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Auschwitz-Reader des Antirassismus-Referates der AStA Uni Trier


[Inhalt des Berichts]

Reader "Eine Woche Auschwitz"

Verantwortlich: Autonomes Anti-Rassismus-Referat im AStA der Uni Trier. Referentin: Helen Zumpe
Anschrift: Autonomes Anti-Rassismus-Referat im AStA der Uni Trier, Universitätsring 12 b, 54296 Trier
Druck: AStA Druckerei
Layout: Thomas Ott (Co-Referent)
Hinweis: Alle namentlich gekennzeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung des Referates wieder

INHALT:


Einleitung

Dieser Reader ist jetzt leider erst sehr viel später als geplant erschienen. Es war geplant, ihn zum Ende der Veranstaltungen um die Ausstellung "eine Woche Auschwitz" vom 15.5. - 19.5 1995 herauszubringen.

Im Zusammenhang mit der Fahrt einer Gruppe Studierender nach Auschwitz vom 6.3. - 14.3.1995 entstand die Idee, durch eine Ausstellung und eben diesen Reader unsere Erlebnisse in Auschwitz und unsere Gedanken dazu einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Texte in diesem Reader sind vor allem von Leuten aus dieser Gruppe verfaßt worden. Die einzelnen Texte lassen sich grob in persönliche Betrachtungen und Sachtexte einteilen, wobei klar sein muß, daß bei diesem Thema die Einteilung nicht klar erfolgen kann. So wurde auch bewußt darauf verzichtet, eine layoutmäßige Abgrenzung vorzunehmen. Die Texte wurden lediglich insoweit unterschieden, als sich die eher persönlichen in der Reihenfolge im Reader am Anfang finden und die eher sachlichen gegen Ende des Textteils. Der Reader umfaßt nicht nur Texte sondern auch Gedichte einzelner aus der Gruppe, eine Chronologie zum Holocaust sowie eine umfangreiche Bibliographie zu verschiedenen naheliegenden Themen wie z.b.:"Lager und Ghettos im Nationalsozialismus", "Nationalsozialismus" oder "Frauen im Nationalsozialismus". Zusätzlich gibt es noch einen Text zum Thema "Flucht und Asyl im heutigen Deutschland".

Wir haben diesen Text mit in den Reader genommen weil wir fanden, daß vor dem Hintergrund des immer stärker werdenden Rassismus und Antisemitismus in Deutschland auf jeden Fall gewisse Zusammenhänge bestehen.

Ein Text zum Thema Widerstand in Auschwitz wurde nicht von einem Mitglied der Gruppe geschrieben. Dieser Text:"Ich will nicht umsonst sterben" bezieht sich auf eine der Veranstaltungen von uns, die während der Ausstellungswoche stattfanden, und wurde deshalb in den Reader aufgenommen.

Wir hoffen mit diesem Reader bei einigen Interesse wecken zu können oder bestehendes Interesse ein Stück weit befriedigen zu können.

Thomas Ott


Eine Woche Auschwitz

Im Dezember 94 begann ich, Referentin des Autonomen Anti-Rassismus-Referates, aus rein egoistischen Motiven eine Fahrt nach Auschwitz zu organisieren. Ich wollte diesen Ort der Massenvernichtung mit eigenen Augen sehen, Fragen stellen , die ich nie stellen durfte und auch nach Antworten suchen.

Die Fahrt sollte kein Anreisen-Durchhetzen-Wegfahren werden, sondern Zeit lassen, um möglichst viel von und über Auschwitz zu erfahren. Als ich die ersten Aushänge der Fahrt machte, meldeten sich überaschenderweise gleich 40 Studierende, die Interesse an der Teilnahme hatten. Als sie erfuhren, daß die ganze Woche inclusive Fahrtkosten und Verpflegung 300 DM pro Nase kosten würde, nahmen die meisten aus mir unerklärlichen Gründen Abstand. Letztlich fanden sich jedoch 12 Interessierte. Das erste Vorbereitungstreffen bestand eher im gegenseitigen Kennenlernen, Äußern von Wünschen oder Ängsten sowie inhaltlicher Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Obwohl wir uns kaum kannten, wollten wir das Wagnis auf uns nehmen. (Nebenbei bemerkt:JedeR, der/die auf der Asche in Auschwitz steht, ist sowieso mit sich und seinen / ihren Gedanken alleine.) Nach zwei weiteren Treffen klärten sich auch die technischen Fragen, und am Sonntag, dem 5.3. ging es dann los, eine 22-stündige Bahnreise nach Oswiecim. Da viele von uns noch nie in Polen gewesen sind, bedeutete diese Fahrt auch, ein anderes Land kennenzulernen, in dem man sich noch nicht einmal verständigen konnte.

Die Jugendbegegnungsstätte gefiel uns auf den ersten Blick, ebenso unser Betreuer Grzegorz, der besser deutsch sprach als wir. Nach dem Abendessen saßen wir noch in gemeinsamer Runde zusammen und besprachen das (zu umfangreiche) Programm. Durch das kalte Wetter machten uns bereits jetzt Erkältungen zu schaffen.

Am Dienstag wurde uns die Jugendbegegnungsstätte näher erläutert, wir hatten erstmals Gelegenheit, Akten und Dokumente aus dem Auschwitz-Archiv zu lesen. Nachmittags zeigte uns die Vizepräsidentin des Staatlichen Auschwitz-Museums das Stammlager. Wir hatten 5 Stunden die Möglichkeit, alles zu fragen, was wir wissen wollten, Frau Oleksi hatte auf alles eine Antwort. Wie bedrückend dieser erste Eindruck vom Stammlager war, kann sich vielleicht jedeR selbst vorstellen, es ist nicht einfach, neben deutschen Krematorien TouristInnenbusse stehen zu sehen. Obwohl alle BesucherInnen vor dem Betreten des Lagers den Film "Die Befreiung von Auschwitz" ansehen mußten, und mehrmals auf eine angemessene Begehungsweise des Geländes hingewiesen wurde, verhalten sich dort wohl alle Menschen individuell unterschiedlich.

Abends fiel es schwer, zu essen, aber irgendwie ging es doch, wir sahen uns noch einige Videos zu Birkenau an, was für uns eine bessere Vorbereitung auf die Dimensionen des Lagers war.

Am Mittwoch wurde uns das Archiv erklärt und wir durften wieder selbst in den Akten lesen. Nachmittags führte Frau Oleksi uns durch Birkenau, dort wo einst Gaskammern standen, wurde das Mahnmal aufgebaut, wuchs sogar grünes Gras neben der Rampe. Abends versuchten wir gemeinsam mit unserem Betreuer, die Eindrücke, Gedanken und Gefühle des Tages einzuordnen oder zu verarbeiten. Hatten wir auch viele Fragen beantwortet bekommen, es stellten sich immer wieder neue, Trauer und Schuld machten sich breit.

Wir bemerkten schnell unsere Unfähigkeit, das Gesehene in einer angemessenen Sprachform darzustellen, ein Problem, was bis heute geblieben ist. Wie soll man das Gefühl beschreiben, eine Todesfabrik mit 12 km Umfang zu sehen, auf menschlicher Asche zu stehen...?

Mittwoch und Donnerstag hatten wir uns ,wie viele andere Gruppen ,zur Verfügung gestellt, kleinere Arbeiten zur Erhaltung der Gedenkstätte zu übernehmen, da für viele Erhaltungsarbeiten weder Geld noch Personal bereitsteht. Donnerstag besichtigten wir die nationalen Ausstellungen im Stammlager sowie Kunstausstellungen ehemaliger Häftlinge. Abends bot sich die Möglichkeit, mit einem überlebenden polnischen Häftling, Stanislaw Ciencala, zu sprechen. Persönliche Schicksale mit dem Eindruck der "Masse" der Häftlinge zu verbinden, fiel vielen von uns schwer: Auf der einen Seite sah man tagsüber Berge von Haaren und Schuhen, andererseits wurde der "Alltag" der Häftlinge erst durch Einzelberichte faßbar.

Freitag zeigte unser Betreuer uns die Stadt Oswiecim sowie die Gedenkstätte des ehemaligen KL`s Auschwitz-Monowitz, der IG Farben. Auch an diesem Tag beendete ein gemeinsames Gruppengespräch den Tag.

Am Samstag unternahmen wir eine Tagesfahrt nach Krakau, um uns das ehemalige jüdische Viertel und die Stadt, in der u.a."Schindlers Liste" gedreht wurde, anzusehen. Übrigens gibt es mehrere Reiseunternehmen, die Fahrten nach Auschwitz unter dem Titel "Schindler`s list live" anbieten, makaberer geht`s wohl kaum. Abends sahen wir uns wieder Videofilme zum Thema Holocaust an, diesmal mehr Spielfilme, u.a. auch zum Nürnberger Prozeß.

Am Sonntag fand noch ein Besuch nationaler Ausstellungen im Stammlager statt, der restliche Tag stand zur freien Verfügung, um persönlich von Auschwitz Abschied zu nehmen. Abends fand im abschließenden Gruppengespräch eine Auswertung der Fahrt statt. Wie wir schon gefürchtet hatten, war das Programm doch zu umfangreich, so daß wenig Zeit zur freien Verfügung übrig blieb. Ein paar ruhige Minuten, um die Eindrücke zu verarbeiten, wären doch öfter angebracht gewesen. Positiv bewertet wurden die beiden ausführlichen intensiven Führungen durch die Lager, bei denen wir so viele Informationen erhalten haben, die wir vom Geschichtsunterricht nicht kannten. Das Gruppen"klima" war äußerst angenehm, obwohl wir uns vor der Fahrt nicht gekannt haben.

Montagmorgen traten wir dann die Heimreise an, die Dienstagmorgen beendet war. Es fanden noch mehrere Treffen statt, um die Fahrt nachzubereiten und zu verarbeiten. Dabei verwirklichte sich auch unsere Idee, eine Ausstellung zu unserer Fahrt zu machen, die den Studierenden zugänglich sein soll.

Helen Zumpe


Ich durfte abends wieder gehen...

Eine Fahrt nach Auschwitz - Eindrücke aus dem Stammlager und aus Auschwitz II - Birkenau

Ich durfte abends wieder gehen, so kam es mir nach der Besichtigung des Stammlagers erleichtert, gleichzeitig aber betroffen und traurig in den Sinn.

Viele andere durften nicht mehr gehen, sie verhungerten, starben aufgrund mangelhaftester Versorgung und Hygiene an Infektionen, wurden vergast und in den Krematorien verbrannt; ihre Asche landete in den auf dem Gelände von Birkenau gelegenen Teichen, die heute mit Schilf bewachsen sind. Andere, die nach der Befreiung gehen durften, konnten es nicht, da sie zu schwach, ausgezehrt und abgemagert waren. Zwischen 1,5 und 4 Millionen Menschen kamen hier ums Leben, wurden Opfer der von den Nazis perfektionierten Massenvernichtungsindustrie.

Durch das schmiedeeiserne Tor mit der vor blankem Hohn strotzenden Überschrift ”ARBEIT MACHT FREI” betritt man das Stammlager, das vor der Okkupation durch die Nazis eine Kasernenanlage der polnischen Armee war. Das ”B” des zynischen Mottos erweist sich bei näherer Betrachtung als falsch herum - ob es sich hierbei um einen Akt des Widerstandes der Häftlinge, die es schmieden mußten, handelt, oder um einen Fehler, der zunächst nicht gesehen wurde, ist umstritten. Auf alle Fälle stellt es einen Bruch im sonst so perfekt organisierten Vernichtungssystem der Nazis dar, und man fragt sich, wie das geduldet werden konnte.

Links vor dem Tor befindet sich die Baracke des Arbeiterführers. Zur Rechten, im Inneren des Lagers schon, steht eine Holzbaracke, in der sich die Lagerküche befand und vor der das Lagerorchester zu spielen hatte. Anlaß für diese ”Konzerte” waren Ankunft neuer Häftlinge, Auszug zur ”Arbeit” oder der Empfang von Gästen, ausländische Inspektionsgruppen, die das Konzentrationslager, in der Öffentlichkeit als vorbildliches Arbeitslager deklariert, besichtigen wollten.

Weiter geht es durch die Austellung, in der die Geschichte des Lagers dokumentiert wird und in der aus dem Lager stammende Gegenstände, die den Häftlingen abgenommen wurden, aufgebahrt sind.

Berge von Schuhen, die einst Menschen gehörten, die hier vergast wurden, sind hinter Glaswänden aufgetürmt.

Darunter auch rote Schuhe, wie ich sie trage. Außerdem zahlreiche Schuhe von Frauen: Sandalen, aus Korb- oder Strohgeflecht, im Römerstil, den heutigen nicht unähnlich, Schnallenschuhe und Pumps. Es war besonders erschütternd, diese doch recht schicken Schuhe zu sehen, da diese Frauen coffensichtlich nicht wußten, nicht wissen konnten, was sie in Auschwitz erwartet. Sie müssen tatsächlich gedacht haben, sie kommen zum Arbeiten und könnten wie ”normale” Arbeiterinnen unter normalen, menschlichen Bedingungen leben. Ich stellte sie mir vor, wie sie wohl ausgesehen haben: Nett und schick gekleidet, in sommerfrischen Kleidern, wie gerade von einem Sommerspaziergang gepflückt. Im krassen Gegensatz dazu die schreckliche Wirklichkeit, die sie erwartete.

An einer anderen Wand waren Haare aufgestapelt, die Frauen und Männern kurz vor der Vergasung abgeschnitten worden waren. Sie wurden von einer Nürnberger Firma zu ”Roßhaarstoff” weiterverarbeitet, aus dem die Uniformen der Soldaten hergestellt wurden. Erschütternd waren die Zöpfe, die auf einer Rolle dieses Stoffes lagen; dort lagen sie, wie gerade eben geflochten; abgeschnitten, um die Frauen zu demütigen, zu entfraulichen, ihnen ihre Würde zu nehmen. Ich mußte an meine Schwester denken und daran, daß jemand die Grausamkeit besitzen könnte, gegen ihren Willen ihre langen schwarzen Haare abzuschneiden - seelenkräuselnd.

Unter den Ausstellungsstücken befanden sich auch die verbliebenen Dosen des Gases Zyklon B, hergestellt von der Frankfurter Firma DEGESCH (Deutsche Gesellschaft zur Schädlingsbekämpfung), 5 RM pro Kilo. Über den Namen der Firma und den hieraus wiederum zum Ausdruck kommenden Nazi-Zynismus braucht man keine Worte zu verlieren.

Zum Schluß der Besichtigung des Stammlagers betritt man das Krematorium. Loren auf Schienen beförderten die Leichname in die Öfen, die so aussahen, wie ich mir Steinbacköfen vorstelle. Die Loren - die Assoziation von Bergwerksloren liegt nahe - verkörpern den Aspekt der industriellen Vernichtung von Menschen, die Gleichmachung und den Verlust der Individualität selbst im Tod; wie ein industrielles Produkt - Kohle - wurden sie verheizt, verpufften ungehört und anonym massenhaft im kalten Kamin des Krematoriums.

Tags darauf besichtigten wir Auschwitz II-Birkenau. Schockierend war die Dimension und die Ausmaße des Lagers. Vom Wachtturm aus kann man eben nicht das gesamte Lager überblicken, da es sich rechts und links weitläufig erstreckt und zum Horizont hin weiter reicht, als das Auge blicken kann. Einen angemessenen Vergleich zu finden, ist unmöglich.

Die Holzbaracken waren ursprünglich Fertigbaupferdeställe (so ähnlich wohl wie die heutigen Fertighäuser), die dann zu Behausungen für Menschen umfunktioniert wurden. Anstelle von 52 Pferden wurden hier 500 und in ”Hochbetriebszeiten” mehr Menschen eingepfercht; sie mußten in dreistöckigen Pritschen schlafen - ohne Decken und Kissen.

Waschgelegenheiten und "Toiletten” (es handelt sich um das, was heute als ”Plumpsklo” bezeichnet wird) gab es für die 100 000 LagerinsassInnen lediglich zwei - zwei Baracken, in denen man unter Zeitdruck und Mißhandlungen seine Körperpflege absolvieren mußte. In einer solchen Baracke war ein Wandgemälde, das Seife, Rasierzeug, Zahnbürste und diverse andere zur Körperpflege nötigen Utensilien zeigen, die den Häftlingen ganz sicher nicht zur Verfügung standen. Das dazugehörige Motto hieß: Sonne, Wasser, Luft erhalten Dich rein. Anderswo war zu lesen: Verhalte Dich ruhig. Kommentar überflüssig.

Die Krematorien sind zerstört, sie wurden von den Nazis gesprengt, um die Spuren ihrer Verbrechen zu vertuschen - eine wahnwitzige Überlegung, man könne die Spuren tilgen und die steinernen Zeugen der Verbrechen vom Erdboden verschwinden lassen.

Eines, Krematorium Nr. IV, wurde von den Häftlingen selbst im Zuge einer Revolte gesprengt.

Um sie herum liegen Teiche, in die die Menschenasche geschüttet wurde. Zum Teil sind sie vollständig zugeschüttet worden, so daß nur noch zwei kleine Teiche vorhanden sind, die heute mit Schilf überwachsen sind.

Bleibt zu hoffen, daß auch nach den (skandalumrankten und peinlichen) Feierlichkeiten zum fünfzigsten Jahrestag der Befreiung von Auschwitz nichts zuwächst oder in den Falten des Vergessens zugeschüttet wird, daß wir Faschismus, Fremdenhaß, Antisemitismus bekämpfen und beseitigen.

Simone Krafft


Ausflug ? Nach Auschwitz ?

500 000 Menschen im Jahr besuchen die Gedänkstätte Auschwitz. Eigentlich schön, dachte ich, daß doch so viele bereit sind, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Fragwürdig wird diese Entwicklung, wenn BesucherInnen sich vor dem Tor mit der zynischen Aufschrift "Arbeit macht frei" lächelnd fotografieren lassen. Wenn die verbliebenen Überreste der Ermordeten in Birkenau mit einem Gitter geschützt werden müssen, weil unzählige TouristInnen sich ein Souvenir sicherten. Wenn aus dem gleichen Grund Porzellanisolatoren aus den ehemals elektrisch geladenen Zäunen gedreht werden, um sie zu Hause neben Elfenbeinfiguren aus Afrika und anderem Touristen-Nippes aufzubewahren. Auschwitz als TouristInnenattraktion? Ein Disneyland des Grauens? Vielleicht ist es die Unfähigkeit zu Trauern, die die Mitscherlichs in ihrem Buch beklagen, wahnsinnige Abstumpfung und Borniertheit, oder einfach Angst.

Ich hatte auch Angst vor der Abreise. In meinem Kopf kreisten Ausreden, warum ich auf keinen Fall mitfahren könne (Geld, Hausarbeiten, Mandelentzündung). Ständig versuchte mein Unterbewußtsein mir ein Schnippchen zu schlagen: Wiederholt "vergaß" ich die notwendigen Reisepapiere zu beantragen, so daß ich am Schluß mit abgelaufenem Paß zitternd die polnische Grenze passierte.

Und dann stand ich doch in Auschwitz, denn ich wollte und mußte versuchen zu verstehen. Gelungen ist es mir nicht. Die bürgerliche Villa des Lagerkommandaten Höß schräg gegenüber Gaskammer und Krematorium. Wahrscheinlich wurden beim familiären Abendessen wegen des penetranten Geruchs die Fenster geschlossen. Das Gefängnis im Gefängnis (ja, in Auschwitz gab es ein Gefängnis). Das Lagerorchester, das fröhliche Musik spielte. Wiederholte Rügen der Kommadantur, weil die SS-Männer ihre Fahrräder nicht in die dafür vorgesehenen Fahrradständer stellten. Die Aufrechterhaltung der Ordnung inmitten der aus den Fugen geratenen Welt von Auschwitz.

In einem Block im Stammlager befinden sich die "Beweise" für den Holocaust. Ich brauche keine Beweise, aber in diesem Teil der Gedenkstätte werden die anonymen Massen der Ermordeten plötzlich ganz persönlich. Ich sehe die Berge von Schuhen, sie sind nur ein Bruchteil der Überreste, aber jeder einzelne scheint eine Geschichte erzählen zu können. Holzpantinen, elegante Damenschuhe, fein gearbeitete Stiefel, grobe Arbeitsschuhe und Kinderschuhe, ein Berg winziger Kinderschuhe. Auf den Koffern stehen die Namen und die Adressen der Toten, an ihre Körbe hatten sie Namensschilder gehangen, damit sie nicht verloren gehen. Da sind ihre abgeschnittenen Haare aufgehäuft, daneben eine Rolle von dem Tuch, das aus ihnen gefertigt wurde.

Später im Vernichtungslager Birkenau werde ich wieder von der Masse überwältigt. Das riesige Gelände, die unzähligen Überreste der Baracken. Wir stehen in einem idyllischen Birkenwäldchen, die gesprengten Gaskammern sind außer Sichtweite. Während die Sonne in einem kleinen Teich glitzert, erklärt unsere Begleiterin, daß dieser Teich nur sehr flach sei, da er mit Asche gefüllt wurde. Überall wo wir stehen und um uns herum Asche, aus den Krematorien und von den Leichenbergen, die man in Gruben verbrannt hatte. Wir stehen auf dem wahrscheinlich größten Friedhof der Welt. Nach all dem Entsetzen und der Ohnmacht des Verstandes empfinde ich zum ersten Mal wirkliche Trauer.

"Idylle findet in Auschwitz nicht statt", will ich dem Liebespaar zurufen, das mit seinem Hund lachend durch den Wald schlendert. Auschwitz ist nicht irgend ein Ausflugsziel, und es ist auch nicht der Ort für Grenzerfahrungen des Grauens. Niemand kann zur Trauer gezwungen werden, aber Respekt gegenüber den Toten muß verlangt werden können.

Martin Reichert


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