Prof. Dr. med. B. Maisch
Abteilung Kardiologie der Klinik für
Innere Medizin, Philipps-Universität Marburg
Die Adipositas (Übergewicht) stellt
ein bislang von Patienten wie Ärzte unterschätztes Problem unserer
Wohlstandsgesellschaft dar. Der nachfolgende Beitrag soll klinische und
gesundheitspolitische Aspekte aufzeigen.
Was ist Übergewicht ?
Als Übergewicht gilt ein Körpergewicht,
das in Bezug auf die Körpergröße bzw Körperoberfläche
oberhalb der Norm liegt. Somit ist Übergewicht stets ein "relativ
zur Körpergröße überhöhtes Gewicht" und kann anhand
von Normtabellen angegeben werden. Häufig wird das "Gewicht zu Größe"
Verhältnis als "Broca Index" (Sollgewicht = Körpergröße
minus 100 [kg]) oder als "Body-Mass Index" (BMI) oder auch "Quetelet Index"
(QI) (Körpergewicht / (Körpergröße)² [kg/m²])
angegeben. Der BMI zeigt eine bessere Korrelation zum Körperfett.
Gemäß der WHO Klassifikation gilt ein BMI von <18.5 kg/m²
als Untergewichtig, ein BMI von 18.5-24.9 kg/m² als normalgewichtig,
ein BMI von 25.0-29.9 kg/m² als leicht übergewichtig (WHO: Grad
I; etwa 25-30% aller US Amerikaner), ein BMI von 30.0-39.9 kg/m² als
deutlich übergewichtig (WHO: Grad II; etwa 12% aller US Amerikaner)
und ein BMI von >40.0 kg/m² als schwerst übergewichtig (WHO:
Grad III).
Bedeutung des Übergewichtes als Risikofaktor
Übergewicht ist ein wesentlicher Risikofaktor
für die Entwicklung von Fettstoffwechselstörungen, Diabetes mellitus,
Bluthochdruck, Arthrose, Gicht und Gallensteine. Bedingt durch Fettstoffwechselstörungen,
Bluthochdruck und Diabetes mellitus kommt es bei Übergewichtigen vermehrt
zur koronaren Herzerkrankung (KHK) und zum Schlaganfall. Die Inzidenz an
Tumoren der Gallenblase, Mamma, Zervix, Endometrium, Ovarien, Kolon und
Prostata ist bei Adipösen ebenfalls erhöht. Übergewicht entwickelt
sich überwiegend im Erwachsenenalter auf dem Boden einer Reduktion
der körperlichen Aktivität bei unveränderter und inadäquat
hoher Kalorienzufuhr. Eine Indikation zur Therapie des Übergewichtes
wird bei einem BMI von über 30 kg/m² gesehen, oder bei einem
BMI von 25-30 kg/m² wenn hierdurch übergewichtsbedingte Gesundheitsstörungen
und / oder ein abdominales Fettverteilungsmuster vorliegen.
Prävalenz: Häufigkeit von Übergewicht
Die Prävalenz der Adipositas ist in
den letzten Jahren in Deutschland weiter angestiegen, obwohl die durchschnittliche
Kalorienaufnahme und insbesondere der hohe Fettverzehr seit einiger Zeit
leicht rückläufig ist (Winkler, 1998). In den USA ist es zwischen
1976 bis 1980 und 1988 bis 1991 zu einer Abnahme des Fettverzehrs von 41,0
auf 36,6% der Gesamtkalorien sowie der Gesamt-Energieaufnahme um vier Prozent
gekommen. Im gleichen Zeitraum stieg jedoch die Prävalenz der Adipositas
in der erwachsenen Bevölkerung von 25,4 auf 33,3% (Heini et al, 1997).
Auch wenn keine Vergleichsdaten für den korrespondierenden Energieverbrauch
vorliegen, läßt sich dieses Paradox nur durch den zunehmenden
Bewegungsmangel erklären. Für diese Annahme gibt es eine Reihe
indirekter Hinweise: So sank beispielsweise die aktiv zu Fuß oder
mit dem Fahrrad zurückgelegte tägliche Wegstrecke bei Kindern
und Jugendlichen in den letzten Jahren deutlich (DiGuiseppi et al, 1997),
während gleichzeitig der Fernsehkonsum beträchtlich zunahm und
eng mit der Zunahme des Körpergewichts verbunden war (Gortmaker et
al, 1996). Nach verschiedenen Befragungen und Schätzungen sind etwa
zwei Drittel der Erwachsenen in Nordamerika und Mitteleuropa körperlich
inaktiv, das heißt sie bewegen sich im Alltag nur wenig und betreiben
keinerlei Sport. In Deutschland erreicht von der Bevölkerungsgruppe
der 18 bis 55-Jährigen höchstens ein Drittel den Aktivitätsumfang
an Sport, für den heute eine signifikante präventive Wirkung angenommen
wird (Moch et al, 1992). Dabei bringt bereits körperliche Aktivität
moderater Intensität und Häufigkeit einen kardiovaskulären
Nutzen. Bei aktiver Lebensweise in der Freizeit und zusätzlicher sportlicher
Bewegung (zum Beispiel dreimal 30 Minuten bei 100 Watt Dauerleistung) läßt
sich problemlos ein Wochenenergieumsatz erreichen, der die epidemiologisch
definierte und präventionsmedizinisch sinnvolle Schwelle von 2000 kcal
überschreitet (Berg et al, 1999).
Was tun bei Übergewicht?
Die primäre Therapie der Adipositas
besteht aus diätetischen und verhaltenstherapeutischen Maßnahmen,
wobei auch die körperliche Aktivität sinnvollerweise gesteigert
werden muß. Hierfür werden vielerorts (so auch in Marburg) entsprechende
Therapiemaßnahmen in Form von strukturierten Sport- und Bewegungsprogrammen
erprobt. Die folgende Tabelle illustriert den Energieverbrauch pro Stunde
(kcal/h) bei ausgewählten Alltagsaktivitäten und Sportarten in
Abhängigkeit vom Körpergewicht (Die Werte können nach Intensität,
Alter und Trainingszustand deutlich variieren. Frauen haben im Vergleich
zu Männern bei gleichem Körpergewicht einen um 10-20% niedrigeren
Kalorienverbrauch):
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| Energieaufwand (Kcal/h) bei: | ||||
| Gehen (3km/h) |
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| Gehen (6,5 km/h) |
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| Hausarbeit |
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| Gartenarbeit |
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| Tanzen |
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| Radfahren (15 km/h) |
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| Laufen (10 km/h) |
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| Tennis |
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| Langsames Schwimmen |
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| Bergwandern |
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| Ski-Langlauf |
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Tab. 1: Energieverbrauch pro Stunde (kcal/h) bei ausgewählten Alltagsaktivitäten und Sportarten in Abhängigkeit vom Körpergewicht
Angaben nach: Hauner D, Hauner
H: Leichter durchs Leben. Ratgeber für Übergewichtige. Stuttgart:
Trias Thieme Hippokrates Enke 1996 und Berg A, Pabst U: Rund um die Gesundheit.
Heidelberg: Umschau Verlag 1998
Übergewicht alleine wäre sicherlich für die Gelenke schädlich, wird für die Gefäße jedoch nur durch die mit dem Übergewicht verbundenen Risikofaktoren zur Gefahr. Insbesondere das metabolische Syndrom, gekennzeichnet durch Übergewicht, Bluthochdruck, Hyperurikämie, Diabetes mellitus beziehungsweise Hyperinsulinämie und erhöhte Blutfette im Rahmen einer Fettstoffwechselstörung stellen als sogenanntes "Wohlstandssyndrom" eine besondere Gefahr für die Herzkranzgefäße dar. Vor allem die Fettstoffwechselstörung mit erhöhten Cholesterinwerten ist ein Hochrisikofaktor für die Entstehung einer KHK.
Das Übergewicht kann, muß aber
nicht unbedingt, von einer Fettstoffwechselstörung begleitet sein.
Was sind Fettstoffwechselstörungen ?
Wir unterscheiden bei den Blutfetten zwischen
Cholesterinen und Triglyceriden, wobei das Cholesterin als Membranbaustoff
und Hormonvorläufer vom Organismus benötigt wird und die Triglyceride
der Ernährung dienen. Die Cholesterine werden mehrere Klassen unterteilt,
wobei LDL-Cholesterin (low density lipoprotein) als das schädliche,
atherogene Cholesterin anzusehen ist, wohingegegen das HDL-Cholesterin (high
density lipoprotein) die Gefäßwand schützt. Häufig
ist es eine falsche Ernährung (Fettreich, viel Fleisch und Wurstwaren),
die in Zusammehang mit einer genetischen Disposition zur Hypercholesterinämie
führt. Dabei steigt mit dem LDL-Cholesterin das KHK Risiko an. Die
Therapie der Hypercholesterinämie zur Prävention der KHK ist heutzutage
unumstritten. Als Grenzwert für die Cholesterinwerte wird heute ein
Wert von 200 mg/dl gesehen. Das LDL sollte nach Möglichkeit unter 160
mg/dl sein, bei Patienten mit einer koronaren Herzerkrankung (oder einem
Diabetes mellitus) auf alle Fälle unter 115 mg/dl (besser unter 100
mg/dl) liegen. Das HDL kann im Grunde genommen als "gutes Cholesterin" nicht
hoch genug sein und sollte über 35 mg/dl beim Mann und über 45
mg/dl bei der Frau sein. Die Triglyzeride sollten unter 200 mg/dl liegen.
Insbesondere erhöhte LDL-Cholesterinwerte sind mit einem erhöhten
Atheroskleroserisiko behaftet und sollten behandelt werden. Die Therapie
erhöhter Cholesterinwerte hat sich inbesondere in den letzten Jahren
mit den sogenannten Cholesterinsynthesehemmer bzw HMG-CoA Redukatsehemmern
(auch als Statine oder CSE-Hemmer bezeichnet) als überaus erfolgreich
bewiesen und soll im folgenden näher ausgeführt werden.
Therapie der Lipidstoffwechselstörungen
Großangelegte Interventionsstudien mit harten klinischen Endpunkten lieferten die Nagelprobe für den Risikofaktor Hypercholesterinämie im Sinne der "evidence based medicine" und konnten belegen, dass die Lipidsenkung zur Verhinderung einer KHK von wesentlicher Bedeutung ist (Schaefer JR, 1998). Wir wissen von der CARE Studie, daß alle KHK-Patienten mit einem "Eingangs-LDL" von über 125 mg/dl von einer Cholesterinsenkung mit einem Cholesterinsynthesehemmer profitieren (Sacks et al, 1996). Desweiteren zeichnet sich bei der Auswertung der bisherigen Lipidsenkerstudien ab, daß der Einsatz von HMG-CoA Reduktasehemmern auch zur Prävention zerebrovaskulärer Ereignisse beitragen kann. Die Lipidsenkung mit einem entsprechenden HMG-CoA Reduktasehemmer sollte daher integraler Bestandteil der Therapie eines Infarktpatientens sein, wie es z.B. Aspirin oder Betablocker schon lange sind. Die medikamentöse Lipidsenkertherapie sollte im Grunde genommen erst nach einer Diätphase und nach einer ausführlichen Diätberatung erfolgen. Ernährungs- und Lebensstiländerungen wie z.B. bei der Lifestyle Studie (Ornish et al, 1990) sind wohl theoretisch aber nicht unter Alltagsbedingungen durchführbar. Da alle bisherigen Daten für eine schnelle und aggressive Lipidsenkung sprechen, sollte ein fragwürdiger Diäterfolg eine effektive lipidsenkende Therapie nicht wesentlich verzögern. Unter diesem Aspekt halten wir die frühzeitige Lipidsenkertherapie in der Sekundärprävention für gerechtfertig. Die medikamentöse Therapie sollte dessen unbenommen von einer diätetischen Beratung und Ernährungsumstellung begleitet werden. Dies kann in der Folge zur Dosisreduktion der medikamentösen Therapie führen.
Die lipidsenkende Therapie mit HMG-CoA Reduktasehemmern
hat sich in zahlreichen Studien zur Primär- und Sekundärprävention
der KHK bewährt (Tab. 2).
| Studie |
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mg/Tag |
(n) |
% |
Ereignisse |
| LIPID |
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| WOS |
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| CARE |
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| Multinational |
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| REGRESS |
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| KAPS |
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| 4S |
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| MAAS |
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| AFCAPS/TexCAPS |
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| Post-CABG |
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| ACAPS |
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Tab. 2
Die "älteren" Reduktasehemmer verfügen bereits über eine große Anzahl gut dokumentierter Studien. Diese Substanzgruppe ist in der Lage, sowohl die kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität sowie die Gesamtmortalität günstig zu beeinflussen. Je größer das KHK-Risiko der zu behandelten Gruppe, um so günstiger ist der Einsatz eines Lipidsenkers. So müßten in einer Patientengruppe mit dem Hochrisikoprofil der 4S-Studie (mit immerhin einer Ereignisrate von 22,6%) lediglich 13 Personen behandelt werden, um ein Infarktereignis zu verhindern, bei der CARE Studie 31, bei der LIPID Studie 35, bei der WOS Studie 40 und bei der AFCAPS / TexCAPS 80 Personen. Eine lipidsenkende Therapie mit HMG-CoA Reduktasehemmern trägt zur Verhinderung eines Herzinfarktes bei, - und dies sowohl im Sinne der Sekundär- als auch (bei einem entsprechenden Risiko-Kollektiv) im Sinne der Primärprävention. Die Untergruppe der "Diabetiker" hat bei allen HMG-CoA Reduktsehemmerstudien absolut gesehen den größten Nutzen einer Lipidsenkertherapie. Darüberhinaus, quasi als "Nebenprodukt" der großen Lipidsenkerstudien, konnte gezeigt werden, daß die Senkung des atherogenen LDL-Cholesterins auch zu einer Reduktion cerebrovaskulärer Ereignisse führt. Ereignisse wie Schlaganfall oder TIA konnten im Rahmen der 4S Studie um -28% reduziert werden, bei der CARE Studie um - 31% und der LIPID Studie um -19%. Bei all diesen Studien waren cerebrovaskuläre Ereignisse nicht die primären Endpunkte oder gar Einschlußkriterium, so daß es sich bezüglich der cerebrovaskulären Ereignisse bei diesen Studien um "Primärpräventionsstudien" handelt. In einer "Meta-Analyse" von insgesamt 28 Studien mit insgesamt 49477 Patienten unter Therapie mit HMG-CoA Reduktasehemmer und 56636 Kontrollpersonen, sahen Bucher et al eine Senkung des Schlaganfallrisikos (tödlicher und nicht-tödlicher Schlaganfall) im Sinne der Primärprävention von 24% (Bucher et al, 1998). Es ist davon auszugehen, daß der günstige Effekt, den die HMG-CoA Reduktasehemmer bezüglich der KHK bereits bewiesen haben, auch im Bereich der Schlaganfallprophylaxe zu sehen sein wird.
Übergewicht und kardiovaskuläres Risiko sind miteinander vergesellschaftet:
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