Kants Vorlesungen: 1770 - 1796

Tabellarische Übersicht für Kants Vorlesungen als Professor für Logik und Metaphysik an der Königsberger Albertina.

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Abkürzungen:    Logik / Metaphysik / physische Geographie / Anthropologie / Moral / Jus = Recht / Physik //    Sonstiges:     Enzyklopädie / Mineralogie / Pädagogik / Theologie

Tabellarische Übersicht zu Kants Vorlesungen ab Sommer 1770


Semester \ Thema: Lo Me phG An Mo Jus Phy Sonst. Liste Amt Wohnung
70 X - X - X - - Enzyk. - -
70/1 - X - - - - - Enzyk. / Minera. - -
71 X X X - X - - - - -
71/2 X X X - X - - Enzyk. - -
72 X - X - - - - - - -
72/3 - X - X - X - - - -
73 X - X - - - - - - -
73/4 - X - X X - - - X -
74 X - X - - X - Theol - -
74/5 - X - X X - - - - - K
75 X - X - - X - Enzyk. X - a
75/6 - X - X X - - - - - n
76 X - X - - - X - - Dekan t
76/7 - X - X X - - Päd - - e
77 X - X - [X] X - - - - r
77/8 - X - X * - - Enzyk. - -
78 X - X - - X - - - -
78/9 - X - X X - - - - -
79 X - X - - - X - - -
79/80 - X - X - - - Enzyk. - Dekan
80 X - X - - X - Päd - -
80/1 - X - X X - - - - -
81 X - X - - - X - - -
81/2 - X - X - - - Enzyk. - -
82 X - X - - X - - - -
82/3 - X - X X - - - - Dekan
83 X - X - - - X - - -
83/4 - X - X - - - Theol / Päd - -
84 X - X - - X - - - - H
84/5 - X - X X - - - - - A
85 X - X - - - X - - - U
85/6 - X - X - - - Theol - Dekan S
86 X - X - - X - - - Rektor
86/7 - X - X X - - Päd - -
87 X - X - - - - Theol (X) -
87/8 - X - X - - X - - Dekan
88 X - X - - X - - X Rektor
88/9 - X - X X - - - - -
89 X - X - - - - - - -
89/90 - X - X - - - - - -
90 X - X - - - - - X -
90/1 - X - X - - - - - -
91 X - X - - - - - - Dekan
91/2 - X - X - - - - - -
92 X - X - - - - - - -
92/3 - X - X - - - - X -
93 X - X - - - - - - -
93/4 - - - X X - - - - -
94 X - X - - - - - - -
94/5 - X - X - - - - - (Dek.)
95 X - X - - - - - - -
95/6 - X - X - - - - - -
96 X - X - - - - - - -
Sem. \ Thema Lo Me phG An Mo Jus Phy Sonst. Liste Amt
Summe 27 25 27 24 14 10 6 6,1,4,4 6 -

Beschreibung:

Die Tabelle ist auf der Grundlage des "Arnoldt/Schöndörfferschen Verzeichnis" 1 angefertigt. Sie erstreckt sich auf die gesamte Dauer von Kants Vorlesungen als Professor vom Sommer 1770 bis Sommer 1796. Die Disziplinen sind oben und unten aufgereiht und mit Kürzeln bezeichnet. Die ersten vier bzw. je zwei Spalten sind aus Gründen, die gleich erläutert werden, optisch zusammengefaßt. Die Anordnung von links nach rechts ist orientiert an der Häufigkeit, mit der Kant seine Vorlesungen gehalten hat, wie die letzte (statistische) Reihe zeigt. 2 Die beiden letzten Spalten beziehen sich nicht auf abgehaltene Vorlesungen sondern 1) im Text vorliegende bzw. nachgewiesene (Sommer 87), Beleg- oder Subskriptionslisten zu den Privatvorlesungen 3 und 2) Kants Amtstätigkeiten (Dekan der philosophischen Fakultät 4 bzw. Rektor der Universität). Außerhalb des so gegebenen Rahmens sind rechts zwei Vermerke über Kants Wohnungen 5 angebracht: bei dem Verleger Kanter, im eigenen Haus.


Beobachtungen 6 und historische Erläuterungen

Für die Zeit ab 1780 ist zu berücksichten, daß Kant anstelle des im Juni 1780 gestorbenen Professors für Moralphilosophie, Christiani, ständiges Mitglied des Senats der Universität wurde. 7 Der Termin für das wöchentliche Treffen lag hier Mittwochs um 9 oder 10 Uhr. 8
Im Grundsatz gilt: Die Vorlesungen haben einen Umfang von je einer an den vier Haupttagen (Mo, Di, Do, Fr) zu haltenden Stunde (= 4 Wochenstunden). Es war den beiden Fachphilosophen in Königsberg 9 auch die Uhrzeit, vorgeschrieben: Logik und Metaphysik: morgens von 7-8 Uhr / Moral und Naturrecht von 8-9. Die üblicherweise nicht an den Haupttagen gehaltenen Wiederholungs- bzw. Disputationsstunden finden - so weit nachweisbar - bei Kant bis zum Sommersemester 1783 Mittwochs und Samstags je von 7-8 Uhr statt; danach nur noch einstündig meist am Samstag zur gewohnten Uhrzeit. In den Wintersemestern 1783/84 und 1786/87 wird die Übung auf den Mittwoch verlegt, um für die Samstags gehaltene 'Pädagogik' Platz zu schaffen. 10

Ziel und Zweck der Tabelle ist es, das Feld der Möglichkeiten für die chronologische Zuordnung der Nachschriften zu bestimmen. Bei jeder Aufstellung, die die tatsächlichen Verhältnisse wiedergeben soll, müssen die vorhandenen Aussagen der Quellen auch bezogen werden auf ein feststehendes raumzeitliches Raster: Die Verteilung innerhalb von Woche und Tag, die Zuweisung zu bestimmten Orten. Es muß der Person Immanuel Kant möglich sein, seine Vorlesungen zu halten! - Erst mit dem Bezug des eigenen Hauses im Frühjahr 1784 kann dies als unproblematisch angesehen werden. Bis dahin hat Kant jedoch für die Abhaltung seiner Kollegien andere Räume bereithalten müssen. Es darf angenommen werden, daß an den Haupttagen je Semester nur ein Raum angemietet wurde. Ein solches Vorgehen sparte Zeit - und vermutlich Geld.

Sieht man die oben realisierte Tabelle 11 durch, so zeigt sich eine große Regelmäßigkeit in den vier ersten Spalten ab dem Winter 1772/73: Jeden Sommer wird Logik und physische Geographie gelesen; diesem Gespann entsprechen im Winter Metaphysik und Anthropologie, wobei 1793/94 die Metaphysik durch eine moralphilosophische Vorlesung "Metaphysik der Sitten" ersetzt wird: Pflichtgemäß hat also der Professor Kant über seine Disziplinen "Logik und Metaphysik" stets öffentlich (d. h. unentgeltlich) ein je einstündiges Kolleg gehalten, das von einem Repetitorium (Mi und/oder Sa) begleitet wurde. Für die Logik und Metaphysik stand eine Regellosigkeit nicht zur Disposition. Mit Kants Entscheidung, diesen Domänen zwei Privatkollegien fest zuzuordnen, ist ein gewisser Rahmen auch für seine anderen Vorlesungen vorgegeben. Hinzu kommt: Ab dem Winter 1774/75 galt für die Professoren der philosophischen Fakultät ein ministerieller Erlaß, zusätzlich im Turnus ein pädagogisches Kolleg zu halten. Kant war mit der einstündigen Pflicht vier mal an der Reihe.

Drei der nach Arnoldt "gehaltenen" Vorlesungen sind hervorgehoben. Im Sommer 1771 eine privat gehaltene Metaphysik und um Winter 1771/72 eine ebensolche Logik. Dieses zusätzliche Lehrangebot stellt Kant danach ein. Der dritte Fall [X] liegt anders, weil ich annehme, daß hierbei ein Irrtum vorliegt: Bei der Moral des Sommers 1777 steht die Arnoldtsche Quelle (Senatsakten) im ungelösten Widerspruch zu der von Schöndörffer herangezogenen Akten des EtatsMinisteriums. 12 Und ich nehme weiter an, daß die angebliche Moral des Sommers 1777 - wie gewöhnlich - im 'Winter 1777/78' stattgefunden hat. 13

Interessiert man sich für die Anzahl der Vorlesungen je Semester, dann stellt man nach Etablierung des Turnus mit dem Winter 1772/73 fest:

  • A) Kant hat meist drei, seltener zwei und nie mehr als drei Themen aus den ersten sieben Bereichen behandelt. Auf vier Veranstaltungen steigt die Anzahl nur 1) durch die einstündige Pflichtveranstaltung über Pädagogik, oder 2) im strittigen Sommer 1777), oder 3) in den beiden Sommern 1774 und 1775. - Hat Kant diese beiden Vorlesungen über Theologie bzw. Enzyklopädie wirklich gehalten?
  • B) Ab dem Sommer 1789 hält Kant neben seinen jeweiligen Pflichtkollegien nur noch je eine der beiden populären Vorlesungen über "Anthropologie" oder "Physische Geographie", d. h. in den letzten fünfzehn Semestern liest er an den Haupttagen nur genau eine Stunde von 7-8 Uhr, Mittwochs und Samstags je zwei Stunden von 8-10 Uhr. 14
  • C) Verschiebt man die zweifelhafte Moral des Sommers 1777 auf den Winter 1777/78, dann hat Kant, seitdem er die Vorlesung über Anthropologie begann (WS 1772/73), nie über Moral gelesen, ohne parallel dazu eine Anthropologie zu halten: Keine Moral ohne Anthropologie! Für die 1770er Jahre gilt auch: Keine Anthropologie ohne Moral!
  • D) Über Jus wird nach 1772/73 nur im Sommer gehandelt.
  • E) Nur das letzte von 7 Kollegs über Physik fand im Winter statt.
  • C) und D): Recht und Moral werden nicht parallel behandelt.

    Ich fasse zusammen: Als Professor hat Kant neben seinem festen Fächerkanon, den beiden öffentlich/privaten Gespannen (Lo/phG - Me/An) bis zum Winter vor der französischen Revolution (August 1789) nur jedes dritte Semester kein Kolleg aus dem Bereich des zweiten, praktischen Faches der Philosophie (Jus - Mo) gehalten: In 24 von 38 möglichen Fällen. 15 Das in den 1780er Jahren dreimal auftretende theologische Kolleg besetzt den Platz der vordem gehaltenen Enzyklopädie. 16 Die Umwandlung der Metaphysik in eine "Metaphysik der Sitten" im Winter 1793/94 ist im besonderen Maß erklärungsbedürftig! - Eine Arbeitshypothese zur Klärung könnte etwa lauten: Kant hat mit der Niederschrift seines lange geplanten und angekündigten Buches über Rechtsphilosophie begonnen und bedient sich zur Lösung aufgetretener Probleme des Mittels einer "allmählichen Verfertigung seiner Gedanken": öffentliches Reden.

    Von inhaltlichem Belang scheint ferner die Beobachtung C): Kant mußte damit rechnen, daß Studenten beide Kollegs parallel in einem Semester hörten. Folglich sollten Aussagen der Nachschriften über das Verhältnis beider Disziplinen unmittelbar aufeinander bezogen werden: In der Moral kann nicht etwas über Anthropologie gesagt werden, was für denselben Studenten in der Anthropologie selbst konterkariert würde, und umgekehrt. Mehr noch, stammen die Nachschriften beider Disziplinen aus derselben Zeit, dann ist für den Interpreten eine Bezugnahme geboten. - Dies gilt auch für das dritte gleichzeitige Kolleg: die Metaphysik.



    Anhang: Fußnoten


    1 Emil Arnoldt, GS, Bd. 5, S.173 ff. Das "Verzeichnis" fußt primär auf den Angaben der universitären Akten (Universitätsarchiv) und zieht die entsprechenden Unterlagen der Berliner Zentralverwaltung und der in Königsberg ansässigen Preußischen Regierung (EtatsMinisterium) [heute in der XX. Hauptabteilung im GStAPK in Berlin Dahlem] ergänzend heran. Eine Nachforschung, die sämtliche, heute vorhandenen (archivalische und gedruckte) Quellen ausschöpft, fand bislang nicht stand. - Das Universitätsarchiv galt bis Frühjahr 1990 als verschollen. Es befindet sich zu erheblichen Teilen im Staatlichen Archiv Olsztyn (Allenstein) [= APO]; vgl. Stark 1994a. bzw. hier zu Kants Amtstätigkeit - zurück zum Text

    2 Die eckig umklammerten sind nicht mitgezählt; dazu gleich. zurück zum Text

    3 Winter 1773/74 (3. Oktober 1773): New York Public Library, Herter-Collection. Sommer 1775 (21. April 1775): Uppsala Universitätsbibliothek, Sammlung Brinkmans. Sommer 1787: Erwähnt in Warda 1899, S. 346. Sommer 1788 (7. April 1788): Abdruck in Warda 1899. Sommer 1790 (15. April 1790): Abschrift im Nachlaß Erich Adickes (Archiv der Berliner Akademie der Wissenschaften). Winter 1792/93 (17. Oktober 1792): Berlin, SBPK. Vgl. ferner die Liste der 'Gratuiti Anthropol. 1795' (d. h. der im Winter 1795/96 unentgeltlich die Anthropologie hörenden), die zu den Papieren des sogenannten 'Opus postumum' zählt (XXI: 461), vgl. auch Adickes 1920, S. 49. zurück zum Text

    4 Das Dekanat des Winters 1787/88 fehlt bei Arnoldt, vgl. Euler 1994, S. 62-63. Im Winter 1794/95 ließ Kant sich zeitweilig (oder ganz?) von Christian Jacob Kraus vertreten. zurück zum Text

    5 Vgl. Stark 1994. zurück zum Text

    6 Von Ausnahmen abgesehen habe ich auf häufig leicht mögliche Querverweise zur Chronologie von Publikationen Kants verzichtet. Eine Untersuchung der konkret nachweisbaren Beziehungen zwischen den sogenannten Druckschriften und den Vorlesungen fehlt bislang. zurück zum Text

    7 Diese Tatsache ist in der Akademie-Ausgabe nur zu erschließen, vgl. die amtlichen Briefe Nr. 2 und 3 (XII: 423-424). zurück zum Text

    8 Adreßkalender 1784, S. 158: "Der academische Senat kommt Mittwochs um 9 Uhr in der Senats-Stube auf dem Collegio Albertino zusammen." Vgl. jedoch Stark 1993, S. 226. zurück zum Text

    9 Schulze 1920 S. 69. zurück zum Text

    10 Die anders lautende Angabe für das Sommersemester 1785 "Repetitorium Logices ist Mittwoch und Sonnabends von 7-8 gehalten worden"(Arnoldt, GS, Bd. 5, S. 281.) beruht m.E. auf einem Versehen des Schreibers. - Zu den angegebenen Zeiten vgl. auch den Überblick bei R. B. Jachmann (1980, S. 132.), der seine eigenen Erfahrungen (ab Frühjahr 1783) resümiert. zurück zum Text

    11 Die Eintragungen für die Uhrzeiten sind fortgelassen. Sie sind nicht in allen Fällen von Arnoldt/Schöndörffer aus den Akten ermittelt worden: Wichtig ist folgendes: A) Ab dem Winter 1776/77 werden Anthropologie und physische Geographie als zweistündige Kompaktveranstaltungen auf Mittwoch und Samstag verlegt, d.h. an den vier Haupttagen mußten nur zwei Veranstaltungen koordiniert werden: beide finden unmittelbar nacheinander statt. Für die Privatkollegien ergibt sich aber ein Konflikt ab dem Sommer 1780: Das Senatstreffen jeden Mittwoch um 9 Uhr. Mögliche (Teil-)Lösung: Es gibt einen Unterschied zwischen Sommer und Winter. - B) Von Winter 72/73 bis Sommer 76 finden Physische Geographie und Anthropologie an den Haupttagen statt, vermutlich stets von 9-10 Uhr morgens nach der Moral bzw. dem Jus von 8-9 Uhr. C) Die zusätzlichen Pflichten des Repetitoriums und der Pädagogik finden an den Zusatztagen (Mi, Sa) statt. Zunächst ist das Rep. zweistündig je Woche, später (nach Einführung der Pädagogik ?) einstündig. zurück zum Text

    12 Vgl. Arnoldt GS, Bd. 5, S. 244 und die Bemerkung von Lehmann in AA-Kant XXVII: 1045. zurück zum Text

    13 In den Studentenverzeichnissen der drei oberen Fakultäten vom Beginn des Wintersemesters 1777/78 (GStAPK XX. HA, EM 139b, Nr. 25, Bd. 8, fol. 61-88 geben vier Jurastudenten an, im kommenden Semester Moral bei Kant hören zu wollen. Es sind dies: Georg Wilhelm Hinz, Johann Friedrich Kaehler, von Placa und Karl Gottfried Rumbaum. zurück zum Text

    14 Vgl. dazu den eben erwähnten Konflikt mit den wöchentlichen Senatstreffen am Mittwoch um 9 Uhr. zurück zum Text

    15 Blendet man die Zeit vor der Konstitutierung der Anthropologie aus, dann ist die Regel noch deutlicher sichtbar: in 24 von 32 möglichen Fällen. zurück zum Text

    16 Leider sind bisher keinerlei ausführliche Nachschriften dieses Kollegs bekannt geworden, sodaß ich hier nur vermuten kann, daß es sich bei diesem Kolleg - seinem Namen gemäß - um eine Überblicksveranstaltung gehandelt hat, die weniger der Erörterung von Einzelproblemen oder spezieller Sachfragen gedient haben dürfte. - Insofern ist die Hinzunahme des theologischen Kollegs auffällig. Anscheinend war Kant an der Sache, einer Klärung des Verhältnisses seiner philosophischen Lehre zur Religion interessiert; vgl. dazu Stark 1992. zurück zum Text



    Biographisches Bibliographisches Marburger Kant-Archiv Akademie-Ausgabe
    © 1996/2005 Immanuel Kant - Information Online
    Erstes Datum 9.12.1997
    Letzte Änderung: 16.05.2005